Kurzbeschreibung Extreme out! - Empowerment statt Antisemitismus

 

I. Hintergrund

Antisemitismus im muslimischen Umfeld - bei Erwachsenen wie bei Jugendlichen, individuell wie institutionalisiert - ist kein neues Phänomen. Allerdings rückt es erst in letzter Zeit aufgrund der Einwanderung von Geflüchteten vermehrt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Dabei entspringt der politisch motivierte Antisemitismus einer (unreflektierten) Vermischung von Israelkritik und Solidarisierung mit den (muslimischen) Palästinensern. Eine nicht unerhebliche Rolle bei der Generierung und Stärkung des Antisemitismus können Diskurse in der eigenen Community (z.B. im Elternhaus, Freundeskreis, islamischen Institutionen) und das von ausländischen Medien entworfene Bild vom Palästinakonflikt spielen.

Dies gilt auch für den Raum Dinslaken, in dem das Projekt angesiedelt ist. Die sozio-ökonomische Situation gekoppelt an Bildungsbenachteiligung und ein konservatives Herkunftsmilieu können bei Jugendlichen zu Radikalisierungstendenzen und Ablehnung der Aufnahmegesellschaft führen; sie können eng mit antisemitischen Haltungen einher gehen. Dabei muss betont werden, dass die eine Spielart gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit – der Antisemitismus – nahtlos an andere Arten andocken kann – wie z.B. Islamismus oder der Sexismus.

 

Auch die bisherige Integrationsarbeit in Dinslaken-Voerde mit muslimischen Jugendlichen – sei es im an der Basis durch die engagierte Arbeit von Institutionen wie z.B. des Deutschen Kinderschutzbunds Dinslaken Voerde e.V., sei es im Rahmen des TFKS-Projekts „Dinslaken, die tolerante Stadt“/ des Nachfolgerprojekts „Demokratie leben“ oder aber auf strategischer Ebene wie z.B. im Rahmen des Arbeitskreis präventive Jugendarbeit – zeigt, dass extremistische Tendenzen bei muslimischen Jugendlichen noch nicht ausreichend beleuchtet und bearbeitet wurden.

Um muslimische Jugendliche gezielt stärken zu können und ihre Potentiale mit ihnen gemeinsam zu entdecken und zu gestalten, greift das vorgestellte dreijährige Projekt (gefördert vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) auf den Lebensalltag der Jugendlichen zurück. 

 

In unserem innovativen Ansatz werden wir den re-importierten bzw. islamisierten Antisemitismus thematisieren und mit den Jugendlichen bearbeiten. Dabei soll deutlich werden, dass Antisemitismus nicht nur kein originärer Teil des Islam ist, sondern dass Frustration, Erlebnisse eigener (vorhandener und eingebildeter) Defizite, die Unzufriedenheit mit der eigenen Situation, Ursachen für jedwede Form von gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sein können. Stark ist nicht der Antisemit, sondern stark ist derjenige, der bestimmte Mechanismen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit überwindet und zu seinen eigenen Stärken und Schwächen steht, an unserer Gesellschaft teilnimmt und mit seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten seine eigene Identität ausbaut. Raus aus dem Extrem, hin zu seinen eigenen Potentialen – das wird schon in unserem Projekttitel deutlich!

 

 

II. Zielgruppe

primär:

• zwei Gruppen à 10 muslimischen Jugendliche zwischen 12 und 27 Jahren

 

sekundär:

• „Kontrollgruppe“ aus zwei Gruppen à 10 nicht-muslimischen Jugendlichen zwischen 12 und 27 Jahren

• ExpertInnen der Bildungs-, Jugend- und Antirassismusarbeit (vor Ort, regional, überregional), die die Ergebnisse unserer Arbeit und das Curriculum für die eigenen Arbeitsfelder nutzen können

 

 

III. Zielsetzung

Primäres Ziel des Projekts ist, Jugendliche mit muslimischem Hintergrund zu stärken und sie dabei zu unterstützen, sich als selbstverständlichen Teil unserer deutschen Gesellschaft zu verstehen und sich durch Selbstreflexion darin einzubringen (Empowerment). Dieses übergeordnete Ziel ist an die Beleuchtung und Bearbeitung antisemitischer Tendenzen gekoppelt.

 

 

IV. Projektinhalte

Schritt 1:

Der antisemitische Diskurs bei muslimischen Jugendlichen in Deutschland wird beispielhaft an anhand der IST-Situation in Dinslaken untersucht. Ein besonderer Fokus soll dabei darauf liegen, wie dieser Jugendliche bei der Entwicklung der Persönlichkeit hindern kann und statt dessen auch Nährboden für andere Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sein kann. Hier gilt es, auf Basis der empirischen Sozialforschung mit qualitativen und quantitativen Elementen die IST-Situation zu erarbeiten.

 

 

Schritt 2:

In einem zweiten Schritt wird ein Curriculum zur Bearbeitung dieser Tendenzen bei und mit den Jugendlichen entwickelt. Dabei soll der Fokus zukunftsgerichtet sein: "Welche Stärken und Potentiale habe ich, dass ich keinen Antisemitismus brauche, dass ich erkenne, dass solche Diskurse mich hindern und nicht stärken?"

Relevant ist, dass das Curriculum neben dem Bereich der kognitiven Annäherung an das Thema auch weitere Elemente umfasst, die den emotional-affektiven Bereich aufgreifen.

 

Schritt 3:

Im dritten Schritt wird das Curriculum mit muslimischen Jugendlichen praktisch umgesetzt. Zu der Arbeit in der Praxis gehören neben Gesprächsrunden der Austausch mit ExpertInnen, der Besuch von jüdischen Kultureinrichtungen und Museen.

Neben dieser „kognitiven“ wird auch die affektiv-emotionale Ebene einbezogen. Diese erfolgt im Rahmen der Workshoparbeit von TheaterpädagogInnen, MusikerInnen und ChoreographInnen mit den Jugendlichen. Es ist angestrebt, dass die Jugendlichen die Ergebnisse ihrer Arbeit im passenden Umfeld präsentieren können (z.B. im Rahmen einer breit angelegten Abschlussveranstaltung, über Facebook, youtube, eine eigene Internetseite etc.).

Parallel zu der Arbeit in den Gesprächsrunden und den künstlerisch-kreativen Workshops werden den Jugendlichen Einzelgespräche angeboten, um Erfahrungen und Konflikte zu reflektieren und individuell zu bearbeiten.

 

Schritt 4:

In einem vierten Schritt werden sowohl das Curriculum wie auch die Ergebnisse des Projekts in Dinslaken, regional und bundesweit als best practice öffentlich zu machen, damit andere AkteurInnen (z.B. aus den Bereichen des interreligiösen Dialogs, dem sozialen oder schulischen Bereich sowie der Jugendarbeit) diese für die eigene Arbeit nutzen können.

 

 

Querschnittsaufgaben:

Parallel zum Gesamtprozess wird das Projekt durch eine Steuerungsgruppe begleitet, in der neben den MitarbeiterInnen des Projekts ExpertInnen aus dem Bereich des Judentums, des Islams sowie der Antisemitismus- und Antirassismusarbeit (sowohl ortsansässig wie bundesweit) sitzen. Diese Steuerungsgruppe gibt sowohl im Prozess Inputs wie sie auch dem Controlling und der Verstetigung dient. An dieser Stelle ist auch die Vernetzung mit relevanten Institutionen aus den benannten Bereichen anzusprechen. Ebenfalls parallel zum Gesamtprozess erfolgt die Controllingarbeit, die in einer Abschlussevaluation zusammengeführt wird. 

 

 

 

 

 

 

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